Zwischen Form und Freiheit
Wir können sogar unsere Suche nach Entspannung, Achtsamkeit und innerer Freiheit so perfektionieren, dass daraus wieder ein neues Müssen entsteht.
Im Qigong, wie auch in vielen anderen Achtsamkeitstrainings, gibt es zahlreiche Übungen, die ganz bewusst ausgerichtet sind und auch genau so aussehen sollen.

Wir stehen zum Beispiel bewusst auf dem Boden, achten auf die Ausrichtung unserer Füße und unseres Beckens, lassen den Scheitel in den Himmel steigen, die Schultern locker werden und atmen ruhig und gleichmäßig. Und vieles mehr.
Wir üben diese Form, diese Atmung und diese Meditation, um in uns Ruhe, Kraft und Erlösung zu finden.
Doch was passiert, wenn wir nur diese eine Atmung, diese eine Form, dieses eine Training immer alltäglicher werden lassen? Wenn wir in der Meditation nur noch dieses eine Bild zulassen können? Wenn die innere Freiheit, die wir suchen, plötzlich zum Zwang wird?
Und was würde es mit uns machen, wenn wir Formen gleichberechtigt üben, aber ebenso gleichberechtigt aus ihnen aussteigen dürfen?
Wenn wir in der spontanen Bewegung lernen, unsere eigenen Rhythmus zu spüren und wahrzunehmen, was unser Körper gerade möchte?
Die Entscheidung, mich frei zu bewegen, mich hineinzustürzen, meinen Platz zu verändern oder meine Ausrichtung zu wechseln, kann, getragen von einer tiefen inneren Haltung, auch dabei helfen, innerhalb einer Form meinen richtigen Platz zu finden.
Sie kann mir helfen, mich selbst besser zu spüren und wieder mehr in mich hineinzuhören.
Verbissen zu üben, zu meditieren und zu atmen, weil vermeintlich nur diese eine Form oder Haltung richtig ist, führt uns möglicherweise eher in die Stagnation als in die Lebendigkeit.
Beobachte dich selbst, ohne zu bewerten.
Bewege dich frei. Atme so, wie du es genau in diesem Moment brauchst. Mach große oder kleine, schnelle oder geführte Bewegungen. Schwinge, strecke dich, springe, geh tief in die Hocke oder richte dich hoch auf deinen Fußballen auf.
Spüre in dich hinein.
Was brauche ich heute? Nicht, wie soll es sich anspüren, wie soll es aussehen. Versuche nicht zu bewerten, sondern zu spüren.
Möchte ich die Struktur, die Form? Tut mir dieser Halt gerade gut? Oder brauche ich Freiheit, Kreativität und Spontaneität?
Oder möchte ich vielleicht beides?
Gehe ich in die Form, steige wieder aus ihr aus, lasse mich in eine intuitive Bewegung fallen und kehre anschließend wieder zurück?
Verbinde die innere Freiheit mit der Form.
Vielleicht liegt genau darin eine besondere Qualität unserer Übungspraxis: nicht nur eine Form zu beherrschen, sondern auch die Freiheit zu entwickeln, sie zu verlassen und im besten Fall lernen beides zu verbinden.
Und vielleicht entdecken wir gerade dort, wo wir uns zwischen Struktur und Freiheit bewegen dürfen, ein Stück mehr von uns selbst.
Raus aus der Praxis, rein ins Leben.
Vielleicht geht es dabei um viel mehr als um unsere Übungspraxis.
Wie oft bewegen wir uns im Alltag in den immer gleichen Mustern? Denken dieselben Gedanken, reagieren auf dieselbe Weise, suchen nach dem Richtigen, dem Perfekten, dem, was wir schon kennen und kontrollieren können.
Wir richten uns aus, passen uns an, versuchen, alles richtig zu machen. Und manchmal merken wir gar nicht, wie wenig Raum dabei für das Spontane, das Lebendige und das Neue bleibt.
Was passiert, wenn wir einmal aussteigen? Wenn wir nicht alles korrigieren, nicht jede Bewegung kontrollieren und nicht immer nach der perfekten Form suchen?
Wenn wir uns erlauben, anders zu reagieren, einen anderen Weg einzuschlagen, eine Bewegung oder Situation entstehen zu lassen, deren Ziel wir noch gar nicht kennen?
Vielleicht beginnt genau dort etwas in Bewegung zu kommen, das lange festgehalten wurde.
In meinen Qigong Einheiten, dürfen wir lernen, uns auszurichten, ohne starr zu werden. Halt zu finden, ohne uns festzuhalten. Eine Form zu üben und trotzdem offen zu bleiben für das, was sich verändern möchte. Und dürfen lernen, Vertrauen im Loslassen zu finden und
das alles in unser Leben in unseren Alltag mitzunehmen.
Denn lebendiges Qi braucht nicht die perfekte Bewegung. Es braucht Raum, Durchlässigkeit und die Bereitschaft, sich immer wieder neu einzulassen.
Wo in deinem Leben hältst du an einer Struktur fest, obwohl sie dir längst keinen Raum mehr gibt?
Kannst du darauf vertrauen, dass etwas Gutes entstehen darf, auch wenn du nicht weißt, wohin es dich führt?
Wann gibt dir deine innere Kontrolle Halt und wann hält sie dich zurück?




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